Blutverdünnung mit Marcumar (R)

Warum überhaupt "Blutverdünnung"?

Normalerweise ist die Blutgerinnung ein lebenswichtiger Schutz vor bedrohlichen Blutungen zum Beispiel bei Verletzungen. Bei bestimmten Erkrankungen oder einer genetischen Veranlagung besteht mitunter ein erhöhtes Risiko für die Bildung von kleinen Blutgerinnseln innerhalb der Blutbahn. Sie können dann zu Verstopfungen lebenswichtiger Blutgefäße führen. Gerinnsel in den Beinvenen ("tiefe Beinvenenthrombose") können lebensbedrohliche Lungenembolien verursachen, Gerinnsel in den Herzkammern sind eine häufige Ursachen von Schlaganfällen.
Ein erhöhtes Risiko für eine Blutgerinnselbildung liegt z.B. vor bei künstliche Herzklappen, Vorhofflimmern (insbesondere wenn ursächliche andere Herzerkrankungen bestehen) oder bereits abgelaufenen Beinvenenthrombosen.

Wie funktioniert Marcumar?

Tatsächlich wird bei der "Blutverdünnung" das Blut nicht verdünnt, sondern nur die Blutgerinnung gehemmt. Marcumar (und die im Ausland häufig vewendeten Substanzen Falitrom , Sintrom und Coumadin ) verdrängt das zur Blutgerinnung wichtige Vitamin K, so dass die Gerinnung verzögert einsetzt. Das Ausmaß der Gerinnungshemmung lässt sich mit dem "INR"-Test anhand einer kleinen Blutprobe prüfen. Der Blutgerinnungstest wird in Abständen von 1 bis 4 Wochen durchgeführt. Die Dosis der Marcumar-Tabletten wird anhand dieser regelmäßigen Messungen festgelegt. Der Zielwert der Gerinnungshemmung hängt von der zugrunde liegenden Erkrankung ab und wird zu Beginn der Medikation festgelegt.

Alternativen zu Marcumar

Seit Anfang 2012 wurden mehrere neue gerinnungshemmende Medikamente zugelassen, die die bisherige Therapie mit Marcumar zunehmend ersetzen können (Dabigatran = Pradaxa , Rivaroxaban = Xarelto , Apixaban = Eliquis , Edoxaban = Lixiana ). Sie sind zugelassen zur "Blutverdünnung" bei Vorhofflimmern, das nicht durch Herzklappenfehler verursacht ist. Sie stellen eine Alternative dar zur bisherigen Medikation mit Marcumar, Coumadin oder Warfarin.
Die neuen Gerinnungshemmer (NOAK = neue orale Antikoagulantien) haben in großen klinischen Studien bewiesen, dass sie das Risiko für Schlaganfälle in gleichem Maß senken wie Marcumar. Die Studienergebnisse zeigen darüber hinaus, dass bedrohliche Blutungskomplikationen tendenziell seltener auftreten.
Die Anwendung der neuen Medikamente ist sehr einfach: Pradaxa und Eliquis müssen zweimal täglich eingenommen werden, Xarelto und Lixiana einmal täglich. Kontrollen der Blutgerinnung sind nicht erforderlich. Bestimmungen des INR-Wertes, wie es für Marcumar erforderlich ist, entfallen. Im Gegensatz zu Marcumar setzt die Wirkung bereits wenige Stunden nach der ersten Tabletteneinnahme ein und endet innerhalb von 1-3 Tagen nach absetzen des Medikamentes. Dies macht auch die Planung operativer Eingriffe einfacher. Einschränkungen gibt es bei Patienten mit Nierenerkrankungen. Dann dürfen die Medikamente in der Regel nicht oder nur in geringer Dosis verwendet werden. Eine vergessene Tabletten-Einnahme führt bei den neuen Medikamenten schnell zu einer verminderten Wirkung.

Die neuen Medikamente sind nicht zugelassen zur Antikoagulation bei Patienten mit künstlichen Herzklappen. Studien weisen auf ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel an den künstlichen Herzklappen hin. Bei diesen Patienten ist nach wie vor Marcumar unbedingt erforderlich.

Was muss beachtet werden?

Die Wirkung des Marcumar kann nur durch eine Blutabnahme gestestet werden. Bei einer zu geringen Dosis (INR kleiner 1,6) ist die Blutverdünnung wirkungslos, bei zu hoher Dosis (INR größer 5,0) drohen spontane, selten auch lebensbedrohliche Blutungen. Die regelmäßigen Gerinnungskontrollen sind daher unbedingt notwendig!
Die Marcumar-Dosis wird beeinflusst durch das Essen, andere Medikamente (zum Beispiel Antibiotika und Schmerzmittel) oder akute Erkrankungen. Eine besondere Ernährung ist nicht erforderlich. Bei Änderung der Ernährung z.B. bei Diät oder Magen-Darm-Erkrankungen sowie bei Änderung der übrigen Medikamente sind häufigere Blutkontrollen notwendig. Auch pflanzliche Medikamente wie z.B. Johanneskraut, Weißdorn, Baldrian beeinflussen die Marcumar-Wirkung.
Bei korrekter Einstellung im Zielbereich ist die Blutungsgefahr z.B. bei Unfällen oder Schnittverletzungen sowie Zahnbehandlungen nur gering erhöht. Der Marcumar-Ausweis sollte als Hinweis für andere Ärzte mitgeführt werden.

Quick oder INR - Was ist "besser"?

Beides sind Messwerte für das Ausmaß der Gerinnungshemmung. Der in Deutschland noch oft gebräuchliche "Quick-Wert" (angegeben in Prozent) ist leider abhängig von der verwendeten Testsubstanz des jeweiligen Labors. Es gibt mehr als 25 verschiedene Testsubstanzen diverser Hersteller, die bei dem gleichen Blut unterschiedliche "Quickwerte" liefern. Ein "Quick"-Wert von "10%" des einer Labors kann durchaus einem Wert von "30%" eines anderen Labors entsprechen! Dies führt dazu, dass bei einem Arztwechsel (z.B. im Urlaub) plötzlich ganz andere Werte gemessen werden. Vor einigen Jahren wurde daher international der "genormte" "INR"-Wert eingeführt (INR = international normalized ratio). Er wird von dem Testlabor berechnet und liefert weitgehend einheitliche Ergebnisse der verschiedenen Tests. Wir werden Ihnen die Messwerte sowie Ihren individuellen Zielwert daher immer als "INR"-Wert mitteilen.
Bei den neuen Medikamenten zur Blutverdünnung (NOAK) wie Pradaxa, Xarelto und Eliquis läßt sich die Blutverdünnung NICHT mit dem Quick oder INR messen! Diese Medikamente werden ohne Gerinnungstest dosiert.

Unser Tipp: Lassen Sie sich grundsätzlich nur nach den "INR"-Werten einstellen. Sie vermeiden damit Verunsicherungen durch abweichende Messwert z.B. bei einem Arztwechsel im Urlaub. Nur der INR-Wert ist bei verschiedenen Tests vergleichbar!

Beispiele des INR-Wertes

INR-Wert

Beschreibung

um 1,0

Normaler Wert ohne Blutverdünnung (entsprechend "Quick" = 70-130%)

2,0 bis 3,0

Zielwert für Vorhofflimmern, abgelaufene Thrombose

2,5 bis 3,5

Zielwert für die meisten modernen künstlichen Herzklappen

3,0 bis 4,0

Zielwert für künstliche Mitralklappen sowie Doppelklappenersatz

größer 5,0

Zu starke Gerinnungshemmung, zunehmende Blutungsgefahr! Kurzfristige Kontrolle erforderlich! ("Quick" meist kleiner als 10%)

Ist Aspirin ® (ASS) eine Alternative?

ASS beeinflusst die Blutplättchen (Thrombozyten), während die Blutgerinnung kaum verändert wird. Bis auf wenige Ausnahmen ist ein Austausch von Marcumar gegen ASS daher in der Regel nicht möglich.
Künstliche Herzklappen erfordern immer ein Gerinnungshemmung mit Marcumar, weil sich sonst lebensbedrohliche Blutgerinnsel an der künstlichen Herzklappe ablagern können.

Muss Marcumar® beim Zahnarzt abgesetzt werden?

Nein! Fast alle Zahnbehandlungen können unter Marcumar-Therapie durchgeführt werden, sofern der INR-Wert nicht mehr als 3,5 beträgt. Auch Zähne können mit Marcumar-Medikation gezogen werden! Vor der Zahnbehandlung sollte der INR-Wert bestimmt werden. Um das Risiko für Blutungen zu verringern, kann der INR-Wert nach Rücksprache mit dem Zahnarzt und dem Hausarzt auf einen möglichst niedrigen Wert eingestellt werden. Als unterste Grenze gilt dabei:

Grund der Marcumar-Therapie

Kleinster zulässiger INR-Wert

Vorhofflimmern oder früherer Thrombose

INR nicht kleiner als 1,6.

mechanischer Aortenklappenersatz

INR nicht kleiner als 1,8.

Mechanischer Mitralklappenersatz oder Doppelklappenersatz

INR nicht kleiner als 2,5.

Marcumar bei künstlichen Herzklappen

Insbesondere bei künstlichen Herzklappen darf die Marcumar-Therapie nicht ersatzlos unterbrochen werden!
Falls unbedingt erforderlich, kann ersatzweise auf Heparin-Spritzen umgetellt werden. Dies erfordert allerdings engmaschige Kontrollen der Blutgerinnungswerte und sollte dann sicherheitshalber stationär erfolgen.

Wie heißt mein Medikament im Ausland?

Weltweit sind drei verschiedene Wirkstoffe zur Antikoagulation gebräuchlich: In Deutschland wird häufig Phenprocoumon (Marcumar , Falithrom ), verwendet, seltener wird Warfarin eingesetzt (Coumadin ). Im Ausland ist in einigen Ländern Acenocoumarol (Sintrom ) erhältlich. Falls Ihr Medikament während des Urlaubs im Ausland nicht verfügbar ist, kann ein anderer Wirkstoff eingesetzt werden:

Coumadin sollte unabhängig von den Mahlzeiten z.B. um 16:00 Uhr eingenommen, werden, weil der Wirkstoff zusammen mit einem Essen schlechter aufgenommen wird.
Acenocoumarol hat eine kürzere Wirkdauer als die anderen Wirkstoffe. Es kann daher zu stärkeren Schwankungen des INR-Wertes kommen. Während der Umstellung sind häufigere Gerinnungskontrollen unbedingt erforderlich!

Wie wird umgestellt?
Üblicherweise sollte die bisherige Tabletten-Dosis fortgesetzt werden. Es kann allerdings zu erheblichen Schwankungen des INR-Wertes kommen. Eine Gerinnungskontrollen ist daher spätestens nach 3-4 Tagen erforderlich! Bei Acenocoumarol (Sintrom ) gibt es zwei Wirkstärken (Tabletten zu 1mg und 4 mg). Meistens entspricht die 4mg Stärke der üblichen Marcumar-Wirkung (1/2 Tabl. Marcumar entspricht in etwa einer 1/2 Tabl. Sintrom 4mg).

Wirkstoff

Handelsname

Phenprocoumon

Marcumar , Marcoumar (B,DK,NL), Falithrom , Liquamar (USA)

Warfarin

Coumadin , Coumadine (B,F), Aldocumar (E), Athrombin-K (USA, CA), Merevan (B,DK,N,GB), Panwarfin (USA)

Acenocoumarol

Sintrom (B,F,I,E,NL,CH,A,CA), Sinthrome (GB)

Kardiologie im Gundlach-Carré

Dr. med. Klaus Groger
Dr. med. Ulrich Rissel
Dr. med. Ludger Obergassel
Dr. med. Christian Zühlke
Dr. med. Johannes Junge
Dr. med. Eva Schalber
Fachärzte für Innere Medizin-Kardiologie
Dr. med. Uta Groger
Fachärztin für Allgemeinmedizin

Ravensberger Str. 10H
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 - 13 20 99
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